Wenn Musik von Heimat und Freundschaft erzählt - Marco Aganetti begeistert bei seinem Konzert in Velden

von Heike Arnold

Marco Aganetti stellt seine Stücke vor
 
Es waren nicht die großen Zahlen, die diesen Konzertabend in Velden ausmachten. Das Publikum war überschaubar. Doch vielleicht konnte gerade deshalb etwas entstehen, das in einem großen Konzertsaal leicht verloren geht: Nähe zwischen einem jungen Musiker und Menschen, die ihm zunächst aufmerksam, dann immer gespannter und schließlich mit sichtbarer Begeisterung zuhörten.

Marco Aganetti brauchte dafür nicht viel. Ein Klavier. Seine Musik. Und nicht einmal Noten.

Was er an diesem Abend spielte, hatte er im Kopf – oder, wie man nach diesem Konzert fast lieber sagen möchte: im Herzen. Sein Programm führte von Argentinien nach Brasilien, von Milonga und Tango zu brasilianischer Musik und afroamerikanischen Spirituals. Bekannte Werke wie Caminito, Por una cabeza oder La Cumparsita standen neben Berimbau von Baden Powell und Vinícius de Moraes, melancholischen Liedern und schließlich auch einer eigenen Komposition: "Desvios sobre um tema", 2025 von Marco Aganetti geschrieben. Schon das Programm ließ erkennen, wie weit sein musikalischer Horizont reicht.

Doch eine solche Aufzählung beschreibt nur unzureichend, was an diesem Abend geschah. Aganetti arbeitete sich nicht durch ein Konzertprogramm. Er erzählte am Klavier. Rhythmen wurden lebendig, Melodien bekamen eine Geschichte, leise Passagen ließen den Raum still werden und temperamentvolle Stücke rissen das Publikum zunehmend mit.

Dabei ist die Musik nur eines seiner Talente. Der junge Brasilianer ist Pianist und Komponist, arbeitet als Chorleiter – und spricht Zimbrisch. Gerade in Velden besitzt das eine besondere Bedeutung. Hier hat das Cimbern-Kuratorium Bayern e. V. seinen Sitz, und die Freundschaft mit den zimbrischen Sprachinseln in Oberitalien gehört seit vielen Jahren zum kulturellen Leben des Ortes.

Wie viel Marco Aganetti selbst diese Verbindung bedeutet, zeigte sich auf besondere Weise gegen Ende des Konzerts.

Als Zugabe hatte er eine eigene musikalische Verbindung dreier Melodien vorbereitet: die Hymne der Zimbern, die vielen Bayern vertraute Erkennungsmelodie der BR-Sendung Unter unserem Himmel und die Bayernhymne. Drei Melodien, drei unterschiedliche Vorstellungen von Herkunft und Heimat – von einem jungen Brasilianer zu einem neuen Ganzen zusammengeführt.

Damit schloss sich an diesem Abend ein besonderer Kreis. Aganettis Familiengeschichte führt zurück zu zimbrisch-italienischen Vorfahren, von denen ein Teil einst nach Brasilien auswanderte. Heute verbindet ihn eine Freundschaft mit Nachkommen und Menschen aus der Heimat seiner Vorfahren und mit dem Cimbern-Kuratorium Bayern e. V.

Was ihm diese Verbindung bedeutet, musste er an diesem Abend nicht erklären. Er spielte es.

Man könnte angesichts so vieler Begabungen leicht in Versuchung geraten, aus dem jungen Marco Aganetti einen beinahe märchenhaften „Mr. Perfekt“ zu machen.

Zum Glück hat er selbst das verhindert.

Ganz selbstverständlich erzählte er am Rande des Konzerts, was er nämlich nicht kann: Schnürsenkel binden zum Beispiel. Und Fußball spielen könne er auch nicht.

Vielleicht war es gerade diese kleine Selbstauskunft, die ebenso gut zu dem Abend passte wie die Musik. Da saß kein junger Virtuose, der seinem Publikum vorführen wollte, was er alles beherrscht. Da war ein junger Mann, der offensichtlich außerordentlich viel kann – und ebenso selbstverständlich darüber lachen kann, was ihm nicht gelingt.

Diese Natürlichkeit war auch in seinem Spiel zu spüren. Marco Aganetti spielte nicht auf Distanz und nicht für den Effekt. Er spielte unmittelbar, ohne Noten, mit großer Selbstverständlichkeit und einer spürbaren Freude an der Musik.

Das zunächst kleine Publikum dankte es ihm auf seine Weise. Die Begeisterung wuchs von Stück zu Stück – und mit ihr der Wunsch nach Zugaben.

Am Ende hatte man nicht das Gefühl, lediglich einem Konzert beigewohnt zu haben.

Man hatte einen jungen Musiker kennengelernt. Einen Brasilianer, der seine eigenen musikalischen Wurzeln mitgebracht hatte und zugleich etwas von dem zurückgab, was ihm die Begegnung mit der Heimat seiner Vorfahren und seinen Freunden in Bayern bedeutet.

Und vielleicht war gerade das die schönste Melodie dieses Abends.

PS. Weitere Bilder und Videos vom Konzertabend folgen